Johannes Paul Martin Zimmer
Johannes Paul Martin Zimmer

Satirische Kurzgeschichten

Eine Kasnudel geht auf Reisen


Griaß eich, servus, ich bins: eure Nudl. Eure Kasnudl, um ganz genau zu sein. Naja, manchmal heiß ich auch ganz anders. Ich hab´ eine Menge „Aliase“. Spitznamen sozusagen. Oder Pseudonyme, wie man das in der Literatursprache nennt. In der Geheimsprache, wie man sie beim CIA oder beim weltbekannten Kärntner Geheimdienst verwendet, würde man Deckname dazu sagen. Aber soweit wollen wir heute nicht gehen. Das können sich der Obama und der Putin mit dem Edward Snowden ausfeilschen. Mich geht das gar nichts an. Ich bleibe bei meinem Namen.


Obwohl, eigentlich ist das ja nur eine Produktbezeichnung, gar kein richtiger Name. Gottseidank hat mich die EU noch nicht entdeckt. Weil die haben da ein paar Beamte in Brüssel, die beschäftigen sich ständig mit Europäischen Produktbezeichnungen. Und immer wieder finden sie etwas, das ganz oder weniger offensichtlich falsch ist. Es kann doch nicht sein, dass wir Össis Marmelade sagen, die Piefke sagen Konfitüre, aber alle meinen dasselbe. Das geht doch gar nicht. Das muss sofort geändert werden. Sofort wird eine eigene Verordnung erlassen und offiziell verordnet und bestätigt, dass es sich um „als Brotaufstrich verwendete, mit Zucker eingekochte Früchte“ handelt. Doch selbst nach mehr monatigem intensiven Suchen konnten sich die Beamten nicht auf einen einheitlichen Namen einigen. Auch eine extra durchgeführte Volksbefragung brachte kein eindeutiges Ergebnis. Marmelade oder Konfitüre. Der eigens gegründete internationale Fachausschuss stieß schließlich darauf, dass dasselbe Produkt auf Portugiesisch „mermelada“ heißt und auf Französisch „Confiture“. Also stehen heute im Deutschen Duden beide Bezeichnungen mit gegenseitiger Verlinkung.

 

Aber halt, jetzt bin ich ein wenig vom Thema abgekommen. Wir wollten ja meinen Namen besprechen. Das ist um einiges schwieriger, weil es mich im Duden gar nicht gibt. Weder als Kasnudel noch als Kasnudl noch als Käsnudel und nicht einmal in Standard-Super-Hochdeutsch als Käsenudel. Und da ich im Duden nicht existiere, können die Brüsseler Beamten auch keinen Fachausschuss für meinen Namen einberufen. Selbst den Bürgern von Schilda ist dazu bisher noch gar nichts eingefallen. Und denen fällt sonst eigentlich immer etwas ein. Sogar zum Transport von Sonnenenergie hatten die schon eine Lösung, lange bevor der elektrische Strom erfunden wurde.

Ufff, also nochmal Schwein gehabt, wie wir im Volksmund sagen. Obwohl ich mit Schweinen sonst gar nichts zu tun habe … nein, halt. Habe ich doch! Mich gibt es ja auch als Fleischnudel mit Grammeln. Grammeln, das ist etwas Geriebenes. Meist aus Schweinespeck. Für die Antivegetarier. Aber jetzt sind wir schon wieder zu weit gegangen. Nochmals zurück zum Ursprung.

 

Ich bin ja eine Kasnudel. Ganz offiziell, sozusagen gemäß deutschsprachiger Kärntner Speisekarte heiße ich Kärntner Nudel. Aber wo komme ich her?

Geboren wurde ich Mitte des 18. Jahrhunderts. Eine aus dem Jahr 1753 stammende schriftliche Aufzeichnung aus Spittal an der Drau bestätigt meine Geburt. Maria, den Nachnamen lassen wir mal außen vor, der wurde sowieso nachträglich nochmals geändert, aber dazu kommen wir später noch. Also Maria, eine katholische Köchin, die kein Fleisch essen wollte, durfte oder einfach gar keines hatte, wälzte am späten Freitagvormittag einen Nudelteig breit aus. Ganz dünn, weil so viel war nicht da und es sollte doch für alle reichen.

 

ENDE DER LESEPROBE

DER HUBER SEPP BEIM MAGISTRAT

 

„Guten Tag. Ich komme wegen der Förderung, wissens eh´.“

„Bitte?“

Der Blick des Magistratsbeamten ragte überheblich über den Schreibtisch hinweg und glitt langsam, zwischendurch mehrmals kurz verweilend, von oben nach unten über den schlampig gekleideten Künstler hinab. Ganz offensichtlich musste dies ein Künstler sein, der so unverfroren, ohne vorherige Anmeldung, wie sie sonst eigentlich üblich wäre, in seine Amtsstube geplatzt war. Kein ordentlicher Bürger hätte es je gewagt einfach so hereinzuplatzen und um Geld zu betteln. Eine Förderung? Wo kommen wir da denn hin, dachte sich der Magistratsbeamte und wiederholte seine Frage, da das zu Beginn mit einem Lächeln umrahmte Gesicht des Bittstellers langsam aber sicher einem großen schiefen Fragezeichen gewichen war.

„I bin doch hier richtig, wegen da Förderung, oda?“

„Ich weiß jetzt nicht was sie meinen, mein Herr. Und überhaupt, wer sind sie bitte, und was genau wollen sie hier?

„I bin da Huaba Sepp, Herr Rot. Von da Stier-Alm, wissen eh´. Und i hon a Büldl gmoln. A scheans. Mit richtige Ölfoabn, gö. Und weils so schean woa, hon i glei a Gedichtl a no dazua gschriabn. So passend zum Büldl. Wissns. Und des is eigentli a echtes Gesomtkunstwerk, hot de Lisl gsogt. Und im Gosthof unten homs donn gsogt i sull einagehn ins Magistrot, weil duatn fördanse de Künstla. Najo, und hiaz bin i do und frog um de Förderung, Herr Rot.“

Ein bisserl stotternd, aber doch mit zunehmender Sicherheit hatte der Huber Sepp sein Anliegen vorgebracht. Das große Fragezeichen hatte wieder einem höflichen Lächeln Platz gelassen. Stolz darüber, seine „Message“ so tadellos und fehlerfrei an den Magistratsbeamten übermittelt zu haben, blinzelten Hubers verschmitzten Augen fröhlich vor sich hin.

Der Herr Magistratsbeamte musste nicht lange überlegen um die passende Antwort an den Mann, sprich den Huber Sepp, loszuschießen.

„Was immer sie gemalt und gedichtet haben, Herr Huber, mag ja gut und schön sein. Aber hier sind sie an der völlig falschen Adresse, wenn sie um eine Kunstförderung ansuchen wollen. Guten Tag.“

 

ENDE DER LESEPROBE

NUR EIN FOTO, BITTE

 

„Haben Sie einen besonderen Wunsch?“

 

Der erfolgreiche Geschäftsmann blickte freundlich, ein bisschen überheblich lächelnd, auf seine hübsche brünette Sekretärin. Gerade von einer Geschäftsreise aus Rio zurückgekehrt, saß er in seinem noblen Büro. Sie stand vor ihm und lächelte ihn an. Himmelte ihn an, wie sie es seit dem ersten Moment getan hatte.

 

„Ein Foto von uns beiden, Herr Direktor. Das würde ich mir wünschen.“

 

„Wie bitte? Sie haben Geburtstag und wünschen sich ein Foto von uns beiden?“

 

„Ja, Herr Chef. Es ist vielleicht ein bisserl unkonventionell, aber das wünsche ich mir schon seit langem.“

 

„Na bitte. Wenn sie es wünschen, dann schießen wir halt. Haben sie eine Kamera?“

 

Sie hatte. Eine digitale Kamera lag griffbereit. Sie hatte lange auf diesen Moment gewartet. Schnell war die Kamera platziert, der Selbstauslöser eingestellt und „klick“, schon war es vollbracht.

 

„Danke Chef. Sie haben mir einen wirklich großen Geburtstagswunsch erfüllt.“

 

Er beachtete die Situation nicht weiter, vertiefte sich in seine Arbeit und hatte den ganzen Vorfall zwei Tage später schon wieder vergessen. Drei Tage danach, seine Gattin hatte gerade das Geschirr aufgeräumt und beschlossen eine Illustrierte zu lesen, klingelte ein Eilbriefbote an der Türe.

 

„Ein Brief für den Herrn Direktor, gnädige Frau.“

 

Es war ein gewöhnliches braunes Couvert. Adressiert an ihren Mann. Sie war gut erzogen und ließ den Brief daher ungeöffnet für ihn am Küchentisch liegen.

 

„Da liegt ein Couvert für dich am Tisch. Das hat ein Eilbriefbote heute gebracht“, informierte sie ihn während dem Abendessen. Romantisch saßen sie, so wie sie es liebte, bei Kerzenschein im Esszimmer.

 

„Es ist kein Absender drauf und es sieht überhaupt nicht geschäftlich aus. Was ist es denn?“, fragte sie neugierig.

 

ENDE DER LESEPROBE

DER HUBER SEPP IN ARABIEN

 

„Wir haben ihren Freund! Den Urlauber aus Klagenfurt. Wir verlangen Lösegeld!“

Die schnorrende Stimme am Telefon mit dem deutlich arabisch geprägten Akzent brachte das Blut in den Adern des Österreichischen Botschafters in Jemen zum Stocken.

 

„Bitte wie? Ich verstehe kein Wort. Welchen Freund? Wovon sprechen sie?“

 

Langsam sank der Botschafter, Kommerzialrat Mag. Dr. Heribert Mayer, der vorhin, als er den seltsamen Anruf entgegen genommen hatte, ruckartig aufgestanden war, zurück in seinen schweren Ledersessel.

„Den Huber. Wir haben den Huber. Huber Josef steht hier in seinem Pass.“

„Den Huber Sepp?! Verdammt!“ Selbst ein so vorbildlich erzogener Herr Kommerzialrat konnte sich nicht zurückhalten ein Fluchwort über seine blassen Lippen zischen zu lassen, in Anbetracht der Tatsache, dass offensichtlich der wichtigste Österreichische Tourist im Jemen entführt worden war.

 

Schon im Vorfeld hatten lange Diskussionen stattgefunden. Der Huber Sepp, ein einfacher Künstler aus einem kleinen Dorf namens Stier-Alm in Kärnten, nahe bei Klagenfurt gelegen, hatte plötzlich und ganz spontan beschlossen die 5.000 Euro, die er anlässlich der letzten Landtagswahl von seinem Landeshauptmann als Verkaufspreis für sein Gesamtkunstwerk, bestehend aus einem Ölgemälde und einem dazu passenden Gedicht, erhalten hatte, in einen tollen Urlaub zu investieren.

 

Noch nie in seinem Leben war er irgendwo hingekommen. Die weiteste seiner Reisen hatte ihn bis nach Klagenfurt gebracht. Das waren immerhin schon über 20 Kilometer. Aber schließlich war der Huber Sepp jetzt ein wichtiger Mann. Denn er kannte den Landeshauptmann persönlich. Er war sogar eingeladen gewesen sein Gedichterl während einer Wahlveranstaltung des Landeshauptmannes persönlich vorzutragen. Die ganze Ortschaft war versammelt gewesen und alle hatten ihm zugehört. Alle hatten ihm applaudiert. Alle hatten ihn bewundert.

Das Wahlergebnis war überwältigend gewesen. In der Ortschaft Stier-Alm hatten ganz unerwartet 98 % für die Landeshauptmann-Partei gestimmt. Wohlgemerkt aller Stimmen, nicht nur der gültigen. 2 % waren ungültig gewesen, weil zwei Personen jeweils zwei Kreuzerln auf ihrem Wahlzettel gemacht hatten. Sie hatten sich dann doch nicht entscheiden können welche Partei sie haben wollten, und daher die sicherste Variante gewählt. Eine von denen wird’s schon werden, und dann haben wir mindestens ein Kreuzerl richtig gemacht, war der Grundgedanke dahinter.

 

Der Landeshauptmann hatte den Herrn Botschafter persönlich angerufen. „Wir haben da eine sehr wichtige Persönlichkeit, Herr Botschafter“, hatte der Landeshauptmann erklärt. „Um den müssen sie sich bitte kümmern. Persönlich. Er kommt am 15. in Sana'a an. Mit einem Privatjet eines guten Freundes von mir. Ich verlasse mich auf Sie.“

„Selbstverständlich, Herr Landeshauptmann“, hatte der Herr Botschafter erklärt. „Wir werden uns um den Herrn Huber kümmern. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Er ist in guten Händen bei uns.“

 

Und jetzt war es passiert. Solche Entführungen wurden immer populärer in diesem Land. Da jedoch selten österreichische Touristen kamen, sondern meist Deutsche, Französische oder Italienische, hatte dies den Herrn Botschafter bisher nicht sonderlich tangiert. Bis jetzt. Jetzt war es geschehen. Der wichtigste Österreicher – nach ihm selbstverständlich – war entführt worden. Vermutlich von diesen verrückten Rebellen.

 

ENDE DER LESEPROBE

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