Johannes PAUL MARTIN Zimmer
Johannes PAUL MARTIN Zimmer

Braucht eine Demokratie politische Parteien – oder wäre Demokratie auch ohne sie denkbar?

Politische Parteien gelten als unverzichtbarer Bestandteil moderner Demokratien. Sie bündeln Interessen, formulieren Programme und organisieren politische Mehrheiten. Doch eine unbequeme Frage drängt sich zunehmend auf: Dienen Parteien noch den Bürgern – oder vor allem sich selbst?

Die politische Landschaft Österreichs und vieler europäischer Staaten ist heute von permanentem Parteienwettbewerb geprägt. Kaum ist eine Wahl geschlagen, beginnt bereits die Vorbereitung auf die nächste. Regierungsparteien verteidigen ihre Positionen, Oppositionsparteien bekämpfen sie. Sachfragen werden häufig durch parteitaktische Überlegungen überlagert.

Liegt das Problem dabei zwangsläufig bei einzelnen Politikern oder könnte es im System selbst liegen.

 

Parteien als Selbstzweck?

 

Parteien entstanden ursprünglich, um politische Interessen zu bündeln und Bürgern Mitsprache zu ermöglichen. Sie entwickelten sich aus Vereinen, Bewegungen und gesellschaftlichen Gruppen. Doch jede Organisation verfolgt früher oder später auch Eigeninteressen. Mitglieder müssen gewonnen, Mandate gesichert, Strukturen erhalten und Positionen verteidigt werden.

Dadurch entsteht ein Mechanismus der Selbsterhaltung. Die Partei wird vom Werkzeug zum Zweck. Der politische Wettbewerb verwandelt sich zunehmend in einen Wettbewerb der Apparate. Die nächste Wahl wird wichtiger als die nächste Generation. Die eigene Position wichtiger als die beste Lösung.

Wer die politische Realität betrachtet, erkennt oft dieselben Muster: Parteijugend, Funktionärslaufbahn, Klub, Mandat, Kabinett, staatsnahes Unternehmen. Loyalität gegenüber der eigenen Organisation wird häufig stärker belohnt als fachliche Kompetenz.

Die Folge ist ein wachsendes Misstrauen vieler Bürger gegenüber der Politik.

 

Der Staat im Würgegriff der Parteilogik?

 

In nahezu allen Bereichen des öffentlichen Lebens spielen parteipolitische Überlegungen eine Rolle.

Im Gesundheitswesen ringen Bund, Länder, Sozialversicherungen und Interessensvertretungen um Zuständigkeiten. Bei Förderungen entscheidet nicht selten die Nähe zu den jeweiligen Entscheidungsträgern über Erfolg oder Misserfolg. In staatsnahen Unternehmen werden Spitzenpositionen regelmäßig Gegenstand politischer Verhandlungen. Selbst öffentlich-rechtliche Medien stehen immer wieder unter dem Verdacht parteipolitischer Einflussnahme.

Natürlich ist nicht jede Entscheidung parteipolitisch motiviert. Viele Politiker leisten seriöse Arbeit. Dennoch entsteht bei vielen Bürgern der Eindruck, dass politische Zugehörigkeiten oft mehr Gewicht besitzen als fachliche Qualifikation.

Das eigentliche Problem liegt nicht in einzelnen Fehlentscheidungen, sondern in den Anreizen des Systems. Parteien müssen Wahlen gewinnen. Daher werden Entscheidungen häufig nicht danach beurteilt, ob sie langfristig richtig sind, sondern ob sie kurzfristig Zustimmung bringen.

Das Ergebnis sind Kompromisse, Reformstaus und ein permanenter politischer Wahlkampf.

 

Die unbequeme Frage

 

Braucht Demokratie überhaupt politische Parteien?

Allein die Frage wirkt für viele provokant. Dabei ist sie weder undemokratisch noch verfassungsfeindlich.

Tatsächlich verpflichtet die österreichische Bundesverfassung niemanden zur Parteizugehörigkeit. Abgeordnete sind ihrem Gewissen verpflichtet. Bürgermeister, Gemeinderäte, Landtagsabgeordnete und Nationalratskandidaten müssen keiner Partei angehören. Auch Bundesminister können parteilos sein.

Parteien besitzen also kein Monopol auf politische Verantwortung.

Das führt zu einer interessanten Überlegung: Wenn Demokratie auch ohne Parteimitgliedschaft funktioniert – warum wird politische Macht dann fast ausschließlich über Parteien organisiert?

 

Eine Option?

 

Stellen wir uns ein alternatives Modell vor:

Nicht Parteien treten gegeneinander an, sondern Persönlichkeiten. Nicht ideologische Lager bestimmen die politische Landschaft, sondern Bürger, die Verantwortung übernehmen wollen.

Auf Gemeindeebene existieren solche Modelle bereits heute. Unabhängige Bürgerlisten gewinnen Bürgermeisterwahlen und Gemeinderatsmandate. Sie organisieren sich für konkrete Aufgaben und lösen sich oft wieder auf, wenn diese erfüllt sind.

Warum sollte dieses Prinzip nicht auch auf Landes- oder Bundesebene möglich sein?

Statt Parteiapparaten könnten Kandidaten direkt um das Vertrauen der Bürger werben. Gewählt würden Menschen, nicht Parteifarben. Im Parlament müssten Mehrheiten für jedes Thema neu gefunden werden. Entscheidungen würden nicht entlang starrer Fraktionslinien getroffen, sondern nach sachlichen Argumenten.

Das klingt ungewohnt. Aber ist es wirklich unrealistisch?

 

Experten statt Parteisoldaten?

 

Ein weiterer Vorteil eines solchen Systems könnte die stärkere Einbindung fachlicher Kompetenz sein.

Heute werden Ministerien häufig im Rahmen von Koalitionsverhandlungen verteilt. Wer welches Ressort erhält, hängt oft von parteipolitischen Kräfteverhältnissen ab.

In einem parteifreien Modell könnte stärker die fachliche Eignung im Vordergrund stehen: Gesundheitsminister könnten aus dem Gesundheitswesen kommen. Wirtschaftsminister aus der Wirtschaft. Bildungsminister aus Schulen, Universitäten oder Forschungseinrichtungen. Entscheidend wäre nicht das Parteibuch, sondern die Qualifikation.

Natürlich garantiert auch Expertise keine perfekten Entscheidungen. Fachleute können irren wie Politiker. Doch die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Probleme von Menschen bearbeitet werden, die die jeweiligen Bereiche aus eigener Erfahrung kennen.

 

Die Gegenargumente

 

Gegen eine Politik ohne Parteien gibt es gewichtige Einwände.

Parteien erfüllen wichtige Funktionen. Sie bündeln Interessen, schaffen Orientierung und organisieren stabile Mehrheiten. Ohne Parteien könnten Parlamente unübersichtlicher werden. Regierungsbildungen könnten schwieriger werden. Einzelinteressen könnten stärker in den Vordergrund treten.

Auch Korruption, Machtstreben oder Lobbyismus würden durch die Abschaffung von Parteien nicht automatisch verschwinden. Diese Probleme sind menschlich, nicht parteipolitisch.

Wer eine parteifreie Demokratie fordert, darf daher nicht behaupten, damit würden alle politischen Schwierigkeiten gelöst.

Darum geht es auch nicht.

Es geht um die Frage, ob die gegenwärtige Dominanz der Parteien tatsächlich alternativlos ist.

 

Demokratie neu denken

 

Demokratien leben von der Möglichkeit, sich selbst zu hinterfragen.

Frühere Generationen stellten die Macht von Königen, Kaisern und Adeligen infrage. Später wurden autoritäre Systeme überwunden. Politische Institutionen entstanden nicht deshalb, weil sie ewig gültig wären, sondern weil Menschen nach besseren Lösungen suchten.

Warum sollte das heute anders sein?

Die politische Parteienlandschaft entstand im 19. Jahrhundert unter völlig anderen gesellschaftlichen Bedingungen. Damals gab es keine sozialen Medien, keine digitale Kommunikation und keine Möglichkeiten unmittelbarer Bürgerbeteiligung, wie wir sie heute kennen.

Es ist daher legitim zu fragen, ob politische Parteien im 21. Jahrhundert noch dieselbe Rolle spielen müssen wie vor 150 Jahren.

Vielleicht lautet die Antwort am Ende: Ja, sie sind unverzichtbar.

Vielleicht lautet sie aber auch: Nein, wir brauchen weniger Parteimacht und mehr direkte Verantwortung einzelner Bürger.

 

Ein Gedankenexperiment mit Folgen

 

Die Forderung nach einer Demokratie ohne Parteien mag utopisch erscheinen.

Doch viele politische Veränderungen begannen als Utopien. Frauenwahlrecht, allgemeines Wahlrecht oder die europäische Integration galten einst ebenfalls als unrealistische Ideen.

Niemand muss Parteien abschaffen wollen, um ihre Rolle kritisch zu hinterfragen.

Vielleicht liegt die Zukunft nicht in einer vollständigen Abschaffung der Parteien. Vielleicht liegt sie in einer stärkeren Öffnung des Systems für unabhängige Kandidaten, Bürgerlisten und parteifreie Experten. Vielleicht braucht die Demokratie nicht weniger Beteiligung, sondern mehr.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Parteien morgen verschwinden sollen.

Die entscheidende Frage lautet: Dienen politische Parteien noch in erster Linie den Bürgern – oder sind sie selbst zum eigentlichen Machtzentrum geworden?

Wer diese Frage stellt, greift die Demokratie nicht an.

Er nimmt sie ernst.

 

 

Johannes PAUL MARTIN Zimmer

 

 

Druckversion | Sitemap
© Johannes Paul Martin Zimmer, Hiessgasse 7, 9020 Klagenfurt am Wörthersee, Austria, tel. +43 (0)676 7750 158, jpm.zimmer@gmail.com